Auf polnischen Spuren

Naumann-Stiftung debattiert um Wanderer im nationalen Niemandsland

20.03.2012

Weimar. Bis auf den letzten Platz waren die Stühle im Weimarer Honorarkonsulat der Republik Polen besetzt. Eingeladen hatte die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Zusammenarbeit mit dem Weimarer Dreieck und der Deutsch-Polnischen-Gesellschaft in Thüringen zu der Veranstaltung „Wanderer im nationalen Niemandsland – Polnische Ethnizität in Mitteldeutschland von 1880 bis zur Gegenwart!“ Überschattet wurde die Veranstaltung von dem schweren Zugunglück nahe Szczekociny in Südpolen. Der erkrankte Schirmherr, der Honorarkonsul der Republik Polen, Hans Hoffmeister, veranlasste am Konsulat die polnische Flagge mit Trauerfolg zu setzen. Gäste und Referenten gedachten mit einer Minute des Schweigens der Opfer dieses tragischen Unfalls. Dass trotz dieser schwierigen Umstände der Abend informativ und versöhnlich endete, war den Podiumsteilnehmern wie den Gästen gleichermaßen zu verdanken. Mit dem Historiker Dr. Johannes Frackowiak konnte ein profunder Kenner der Materie für das einleitende Referat gewonnen werden. Frackowiak, der selbst auf polnische Vorfahren zurückblickt, arbeitet derzeit am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden an einem Forschungsprojekt zur Germanisierungspolitik der Nationalsozialisten im annektierten Polen 1939-1945.

Weitere Gesprächspartner waren der Vorsitzende des Weimarer Dreiecks e.V., Dieter Hackmann, sowie der amtierende Vorsitzende der Deutsch-Polnischen-Gesellschaft Thüringen, Wolfgang Ruske. „Was können wir heute aus der polnischen Zuwanderung nach Mitteldeutschland von 1880 bis heute lernen?“, fragte Frackowiak nach seinem Vortrag. Zuvor las er aus seiner Monographie, in der er detailliert die verschiedenen Phasen der Ausbildung einer nationalen Identität bei den zugewanderten Polen speziell im Bitterfelder Raum beschrieb. Er analysierte deren Bereitschaft zur Integration und Assimilation an die deutsche Mehrheitsgesellschaft. „Im Hinblick auf aktuelle Integrationsdebatten verkennt die Politik leider häufig die Unterschiede zwischen Integration und Assimilation“, so der Historiker Frackowiak. Ein wesentliches Ergebnis von Untersuchungen sei die die Feststellung, dass Assimilationsprozesse nicht zwangsläufig an ihren „Endpunkt“ gelangen müssen – die Übernahme aller Verhaltensweisen und Einstellungen der „Mehrheit“ durch die „Minderheit“. So sei es für Ihn keine Überraschung, dass sich einmal gemischte, hybride Identitäten über Generationen hinweg weiterentwickeln können. „Dies ist ein wesentlicher Bestandteil, was wir aus diesen Wanderungsbewegungen lernen müssen“, so Frackowiak. Der Vorsitzende des Weimarer Dreiecks, Dieter Hackmann betonte in der anschließenden Diskussion: „Ich finde es gut, wenn junge Menschen Grenzen überschreiten und nicht darüber nachdenken müssen. Dadurch werden sie zu Europäern. Alle in Europa müssen zusammenfinden, aber einer muss den Anfang machen.“ Der Gefahr, dass sich die weitere europäische Einigung nur zu einem Elitenprojekt entwickeln könnte, ohne die Menschen mitzunehmen, setzt Hackmann die persönliche Begegnung entgegen. Dem pflichtete Wolfgang Ruske, Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Thüringen, bei. Es gehe um die gegenseitige Begegnung. „Wir sehen uns als Europäer, wir wollen Vorurteile abbauen und helfen unsere Nachbarn zu verstehen.“ Ein Beispiel wie Europa funktionieren könnte hatte Hackmann an diesem Abend gleich mitgebracht. „Ich habe einen französischen Schüler als Gast in meiner Familie, Boris Martin aus Lille.“ Dieser Schüler belegt mit dem „AbiBac“ ein deutsch-französisches Abitur. Ein Ausbildungsprofil welches auch am Weimar am Humboldtgymnasium angeboten wird. „Boris spricht neben seiner französischen Muttersprache akzentfrei polnisch, hervorragend deutsch und englisch. Er ist sozusagen ein Wanderer in Europa“, so Hackmann. Aus den Reihen der Gäste wurde diese Entwicklung der jungen Generation bestätigt. „Die heutige europäische Jugend ist frei von historischen Ressentiments. Darin liegt die große Chance.“, sagte Jürgen Meyer. Dass es in den deutsch-polnischen Beziehungen auf diesem Gebiet noch Nachholbedarf gibt betonte Wolfgang Ruske. „Leider ist es so, dass unsere deutschen Schüler keine Möglichkeit haben die polnische Sprache zu erlernen, es gibt schlicht keine Lehrer an den Schulen.“ Dies bestätigte der Geschäftsführer der FDP im Thüringer Landtag, Dr. Carsten Klein, der als Gast der Veranstaltung beiwohnte. Eine offizielle Anfrage im Thüringer Kultusministerium hätte ergeben, dass in keiner Thüringer Schule Polnischunterricht angeboten würde. Ein aus Gotha angereister Lehrer beschrieb den Fremdsprachenunterricht am Salzmann-Gymnasium in Schnepfenthal. „Dort werden solch schwierigen Sprachen wir chinesisch und arabisch angeboten, leider kein polnisch obwohl Lehrkräfte vorhanden sind.“ Neben den Informationen zu den polnischen Wanderungsbewegungen nahmen die Gäste eines aus der Veranstaltung mit - dass neben dem Kulturaustausch, die Möglichkeiten von Jugendaustausch-Programmen, vor allem die Sprache als Integrationsmotor ausgemacht wurde.

 

Matthias Purdel
Landesbeauftragter Thüringen der
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Wolfgang Ruske, Dieter Hackmann, Johannes Frackowiak (sitzend v.l.n.r.), Matthias Purdel (stehend)